Kosovo


614 Kilometer in 7 Tagen

Ende September 2019


Das kleine Land hat uns ganz schön überrascht. Erstaunlich modern kommen die Städte daher, dazwischen können wir schlaglochfrei über den Asphalt rollen. Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen gegenüber Besuchern macht einfach Lust, den Kosovo zu entdecken.

 

Tipps und Tricks

Ein Schwätzchen am Straßenrand halten. Hier kann gefühlt jeder zweite deutsch und freut sich über den Besuch aus Deutschland. Bei kurzen Pausen wurden wir immer wieder angesprochen, die Grenzbeamten sind freundlich, wie nirgendwo sonst und begrüßen uns in unserer Muttersprache, und am Straßenrand werden wir sogar von Jugendlichen bejubelt. Was sollen wir sagen?! Wir haben uns eine Woche lang wie VIPs gefühlt.

Schick Essen gehen: bei den niedrigen Preisen verschätzt man sich schnell und bestellt Mengen, nach denen selbst Christian, der sonst nichts übrig lässt, am Ende des Abends Mühe hat, nicht aus dem Restaurant zu rollen. Sehr lecker war es zum Beispiel in Pejë im Kulla e Zenel Beut.

Kleiner Tipp zum Thema Bargeld im Kosovo: bezahlt wird mit Euro, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern kann man hier mit seiner Kreditkarte nicht überall kostenlos Geld abheben. Lediglich BKT und NLB verlangen keine zusätzlichen Gebühren.

Von der Kleinstadt bis in die Metropole

Priština, die Hauptstadt des Kosovo, erwartet uns mit einem Verkehrschaos und dem wohl hässlichsten Stellplatz. Nachdem wir uns durch einen riesigen vier- oder fünfspurigen (wer weiß das schon so genau?!) Kreisverkehr durch eine Baustelle gequält hatten, erreichen wir den Parkplatz hinter dem Stadion. Auch hier wieder Chaos, Hupen, umherfliegende Plastiktüten und Obst- und Gemüsereste. Zumindest zentral gelegen, machen wir uns von hier auf, die Stadt zu erkunden. Um den Mutter-Teresa-Boulevard, die Fußgängerzone Prištinas, reihen sich hippe Bars und Cafés. Am Ende der Straße gelangt man auf den Skanderbeg-Platz, mit einer Statue des Nationalhelden, der uns auf unserer gesamten Balkanroute verfolgen sollte. Kurz dahinter beginnt das Wirrwarr des Basarviertels mit seinen Moscheen, dem alten Hamam und einigen erhalten gebliebenen osmanischen Häusern, in einem davon ist ein sehenswertes kleines ethnografisches Museum untergebracht. Auf den engen Basarstraßen stehen randvolle Säcke mit roten und gelben Spitzpaprika, dazwischen schiebt sich immer wieder ein Wagen durch die Menschenmengen. Etwas abseits werden Elektroteile und Kleidung angeboten, von niedrig hängenden Planen überdacht, wir müssen ein Weilchen suchen, bis wir zwischen all den Ständen den Weg wieder heraus finden. Unser Weg führt uns weiter zur Nationalbibliothek, die mit ihren Kuppeln und der umgebenden Metallkonstruktion rein optisch sicher nicht jedermanns Sache ist. Bei einem Blick nach drinnen, werden wir direkt zu einer Buchpremiere eingeladen. Okay, verstanden haben wir nichts, aber zumindest für die folkloristische Darbietung am Ende mussten wir das ja auch nicht. Schräg gegenüber beenden wir unsere Stadttour an der Mutter-Teresa-Kathedrale, die für die weniger als drei Prozent Katholiken im Land viel zu groß erscheint. Wir waren überrascht, wie modern Europas jüngste Hauptstadt wirkt.
Am nächsten Tag besuchen wir unweit von Priština das Bear Sanctuary. Hier finden Bären, die oft jahrelang in engen Käfigen zur Belustigung von Restaurantgästen gehalten wurden und Sonne und Regen schutzlos ausgesetzt waren, ein neues Zuhause. In großen Freigehegen leben inzwischen 20 Braunbären. Um die Bevölkerung mehr für den Tierschutz zu sensibilisieren, wurde zudem ein Infocenter eingerichtet.

Prizren: Die bunte Stadt an der Bistrica wartet mit viel Kultur und leckerem Essen auf uns. Über eine alte osmanische Steinbrücke gelangt man in die Altstadt. Hier geht es vorbei an vielen einladenden Restaurants zur Sinan-Pascha-Moschee mit dem höchsten Minarett des Balkans. Weiter oben, auf einem Hügel, liegt die mittelalterliche Festung. Angeblich war das Gebiet bereits zur Bronzezeit besiedelt. Beim Spaziergang über das Gelände sollte man sich von dem schönen Stadtblick aber nicht zu sehr ablenken lassen, Sicherungen gibt es nämlich nicht überall. Ein Schritt weiter auf der plötzlich endenden Burgmauer und wir hätten uns alle Gliedmaßen gebrochen! Wer mag, kann ja mal versuchen, die unzähligen Minarette der Stadt zu zählen, mehr als 20 an der Zahl konnten wir ausmachen. Das archäologische Museum, untergebracht im ehemaligen Hamam, war während unseres Besuchs leider geschlossen, und so besuchen wir stattdessen das Gebäude der albanischen Liga, die im osmanischen Reich die Selbstverwaltung von Albanern bewohnter Gebiete forderte. Auch in Prizren waren die Menschen wieder wahnsinnig freundlich. Beim Versenden unserer Postkarten, die wahrscheinlich noch aus einer Auflage aus den 90ern stammten, wurden wir, als Touristen enttarnt, gleich von allen nach vorn gelassen. So viel Service sind wir gar nicht gewohnt.

Rahovec ist das Weinzentrum des Kosovo. Der Ort selbst bietet keine wirklichen Sehenswürdigkeiten, dafür aber mehrere Winzereien. In einer kleinen Garage war der Besitzer von Labiwine, tatkräftig unterstützt von seinen beiden Kindern, gerade dabei abzufüllen. Wir durften uns durchs ganze Sortiment probieren. Insbesondere der für die Region typische Vranac, der auf dem Balkan vermutlich schon seit dem Mittelalter angebaut wird, mit seinem kräftigen Geschmack ist besonders lecker. Mit einem Karton unterm Arm ging es zurück zu unserem Bus.

Kloster Dečani: An diesem Morgen sind wir die ersten Gäste, wir hatten ja auch direkt davor übernachtet. Gegen Abgabe unserer Pässe bekommen wir einen Besucherausweis. Ein junger Serbe führt uns spontan durch das Areal. Obwohl Kirchen und Klöstern nicht unser erstes Interesse gilt, gefällt es uns hier trotzdem sehr gut. Die ganze Kirche ist mit bunten Fresken geschmückt, sodass es wahnsinnig viel zu entdecken gibt. Wir erfahren, dass die Malereien im Inneren der Klosterkirche zu den besterhaltensten aus dem 14. Jahrhundert auf dem Balkan gehören, darunter eine weltweit einzigartige Darstellung von Jesus mit Schwert, und welche Farben genutzt wurden und von König Stefan Uroš III. Der grüne Klosterhof liegt friedlich von dickem Gemäuer umgeben. Hin und wieder verirrt sich ein Mönch nach draußen.

Abenteuer Natur

Ganz in der Nähe von Pejë befinden sich in der Rugova-Schlucht zwei der wenigen Klettersteige des Landes. Zunächst muss ein Fluss auf einer Hängebrücke überquert werden, und dann hat man die Wahl zwischen dem Klettersteig Mat und Ari, oder geht einfach beide. Ersterer verläuft größtenteils waagerecht über Eisentritte an der Felswand entlang, immer mit Blick auf den Fluss und die gegenüberliegende Straße. Er führt zwar nicht so weit nach oben und die Ausblicke sind daher nicht ganz so schön, die Kletterpassagen gefallen uns dennoch gut. Am Ende klettern wir ein kurzes Stück durch einen Felstunnel nach unten, und schon stehen wir wieder auf der Straße. Länger und höher hinauf verläuft der Klettersteig Ari. Auch hier kann man meist gut zum Fluss im Tal sehen, hinzu kommt ein toller Weitblick Richtung Montenegro über die grünen Berge der Schlucht und ganz oben angekommen erblickt man Pejë. Am höchsten Punkt weht die schon von unten gut sichtbare albanische Flagge, von da an geht es wieder bergab. Zwischendurch müssen wir ein paar Mal nach dem richtigen Weg suchen, doch die gut hörbare Straße im Tal dient gut zur Orientierung.

Bei einem Abstecher etwa auf halber Strecke zwischen Pejë und Priština liegen die Mirusha Wasserfälle. Mehrmals ergießt sich das Wasser in kleine Felsbecken nach unten. Von einem Restaurant aus kann man nach oben klettern. Auf den steilen Wegen müssen wir mehrfach die Hände zu Hilfe nehmen. Die schöne Aussicht ins Tal und die Möglichkeit teilweise hinter den Wasserfällen entlang gehen zu können, trösten über den allgegenwärtigen Müll aber leider nur geringfügig hinweg.

Autokino

Die schönste Route führt uns durch den Sharr Nationalpark. Durch einen dichten bereits in Herbstfarben getauchten Wald verläuft hier die Straße nach Prizren am nördlichen Ausläufer des Sharr-Gebirges. Luchse und Bären soll es hier noch geben, die man aber selbst bei Wanderungen abseits der Hauptwege nur mit sehr viel Glück zu Gesicht bekommt.

Eine weitere lohnenswerte Strecke führt von Pejë bis nach Montenegro. Doch ist die Grenze seit 1999 in Folge des Kosovokrieges geschlossen. Der Weg durch die Rugova-Schlucht lohnt dennoch. Über Serpentinen führt der Weg vorbei an einem tiefen Wasserfall durch mehrere in den Fels geschlagene enge Tunnel. Vorab Hupen schadet sicher nicht, und verhindert unter Umständen, dass man - so wie wir - im Rückwärtsgang durch den kurvigen Tunnel zurück fahren darf.

Schöner Schlafen

Leicht fällt es uns hier ganz und gar nicht, schöne Stellplätze zu finden. Campingplätze gibt es nicht, und so stehen wir meist auf irgendeinem ungemütlichen Parkplatz in der Stadt. Die Ziele in den Bergen, welche wir uns ausgesucht hatten, müssen wir leider aufgeben. Die Wege sind für unseren Camper doch eine Nummer zu hoch. Eine willkommene Abwechslung ist dagegen unsere Nacht vor dem serbisch-orthodoxen Kloster Dečani. Erst kurz vor dem Ende der Besuchszeiten angekommen, müssen wir bis zum nächsten Tag abwarten. Als serbisches Kloster in kosovarischem Gebiet, welches mehrfach, zuletzt 2007, Ziel von Granatenangriffen war, ist das Gelände und die zuführende Straße durch italienische Kosovo Force Soldaten gesichert. Kurzerhand fragen wir den netten italienischen Carabinieri, ob wir die Nacht auf dem Parkplatz direkt vor dem Kloster verbringen dürfen. Nach einigen Telefonaten gibt er uns sein Okay. Gut bewacht von den KFOR-Soldaten, die uns am Abend noch mehrfach einen Besuch abstatten, verbringen wir hier die wohl ruhigste Nacht im Kosovo.

Lach- und Sachgeschichten

Bei Regen und Nebel erreichen wir nach zahlreichen Serpentinen die Grenze Montenegro - Kosovo. Da die grüne Karte im Kosovo nicht gilt, heißt es also erstmal Versicherung kaufen. Mit einer LKW-Zulassung will der nette Herr in seinem kleinen Büro geschlagene 130 Euro für 15 Tage. Wir müssen uns etwas einfallen lassen! Schritt 1: traurige und enttäuschte Blicke. Schritt 2: Der Hinweis, dass es sich ja eigentlich um einen Camper, aber eben selbstausgebaut, handele. Schritt 3: ihn dazu bewegen, sein warmes Containerbüro zu verlassen, um aus sicherer Entfernung einen Blick auf unser bereits hinter der Grenze geparktes Fahrzeug zu werfen. Nach einigen kritische Fragen schlussfolgert er: „Hm...it is a Special Car!“ Und für so ein Spezialauto sagt sein Computer: 15 Euro. Er ist schon ein bisschen stolz auf seine Speziallösung und freut sich mit uns gemeinsam. Mission accomplished! Zufrieden können wir nun ins jüngste Land Europas einreisen.

 

Erstellt am 03. Februar 2020

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